Reuter, Elisabeth: Gehirnwäsche: Macht und Willkür in der "systemischen Psychotherapie nach Bert Hellinger. Berlin, 2005. ISBN 3-925931-40-6, 252 Seiten, 11,90 EUR.


 
Das Buch wurde, zusammen mit der Neuerscheinung von Werner Haas und der Neuauflage der Textsammlung des AStA München wie folgt rezensiert:
 
MIZ 1/2005

Gehirnverschmutzung à la Hellinger

von Joschi Laibl

- Studentischer Sprecherrat der Universität München (Hrsg.): "Niemand kann seinem Schicksal entgehen...": Kritik an Weltbild und Methode des Bert Hellinger. Alibri, Aschaffenburg, 2005 (3.akt.u.erw.Neuauflage). 252 Seiten. ISBN 3-86569-007-6

- Reuter, Elisabeth: Gehirn-Wäsche: Macht und Willkür in der "Systemischen Psychotherapie" nach Bert Hellinger. Antipsychiatrie, Berlin, 2005. 232 Seiten. ISBN 3-925931-40-6

- Haas, Werner: Familienstellen - Therapie oder Okkultismus? Das Familienstellen kritisch beleuchtet. Asanger, Kröning, 2005. 169 Seiten. ISBN 3-89334-430-6

Anfang 2005 erschienen gleich drei Bücher zur Kritik von Weltbild und Methode des Bert Hellinger und seiner Anhängerschaft. Sie dürften entscheidend dazu beitragen, dass das Familien- und Systemaufstellen nach Hellinger letztlich da landen wird, wo es von Hause aus hingehörte: auf dem Müllhaufen der Psychotherapiegeschichte.

Beim ersten Buch handelt es sich um eine Neuauflage der Textsammlung des AStA der Universität München von 2004, in der die Beiträge einer Hellinger-kritischen Podiumsdiskussion - mit den Münchner Psychologieprofessoren Heiner Keupp, Klaus Weber und Sabine Pankhofer sowie der Sozialpädagogin Claudia Barth - dokumentiert sind. Daneben finden sich in dem Band Beiträge von Colin Goldner, Hans-Detlev von Kirchbach, Elmar Klevers, Claudia Kierspe-Goldner und anderen. Die Neuauflage wurde aktualisiert und erheblich erweitert: der Absturz der Hellinger-Bewegung ins Bodenlose im Verlauf des Jahres 2004 ist ebenso dargestellt wie die Gerichtsverfahren, die Hellinger und seine Anhänger gegen ihre Kritiker (einschließlich Goldner und Weber) angestrengt haben. Zudem ist das Buch um vier hochinteressante Beiträge erweitert, unter anderem um einen sehr lesenswerten Aufsatz des Philosophen Wolfram Pfreundschuh zum "Kulturchauvinismus des Bert Hellinger". Auch die "feine Gesellschaft" rechtslastiger Esoterikspinner wird ausgeleuchtet, in der Hellinger-Schüler Franz Ruppert unterwegs ist.

Fast zeitgleich erschien ein weiteres Hellinger-kritisches Buch der Oldenburger Schriftstellerin Elisabeth Reuter, das aus der Perspektive einer Betroffenen zeigt, in welch abgründige "Verstrickungen" Weltbild und Vorgehensweise der sogenannten "Familien- und Systemaufsteller" führen kann: Frau Reuter beschreibt in sehr eindringlicher Darstellung, wie sie von ihrem Therapeuten, dem Hellinger-Anhänger Rainer Adamaszek, sexuelle Übergriffe seitens ihres Vaters eingeredet bekommen habe und dann genötigt worden sei, ihren Vater trotzdem zu würdigen: "Danke lieber Papa, danke für deine Liebe!" Und: "Sag' Deiner Mutter, dass du die Gewalttaten deines Vaters stellvertretend für sie aus Liebe gern auf dich genommen hast" (S.130ff.). Und sie beschreibt, wie sich sich - in jahrelanger Arbeit - aus den "Hellingerschen Fängen" befreit habe. In einem Nachwort weist Klaus Weber nach, dass "Familienaufstellungen à la Hellinger weder objektiv die Ursachen für psychische Krankheiten und Probleme erklären können noch empirisch abgesichert einen Heilungsprozess initiieren". Für ihn ist die "Hellinger-Clique inzwischen gleichsam zu einer Sekte geworden", die, "ähnlich den Methoden der Scientology-Church" versuche, KritikerInnen "einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen". Er bezieht sich vor allem auf ein Gerichtsverfahren, das ihm ein Münchner Hochschulkollege, der Familienaufsteller Franz Ruppert, an den Hals gehängt, in 2. Instanz aber verloren hatte (S.215ff.). Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dem Gerücht entgegenzutreten, der Verleger des Buches, Peter Lehmann, sei zu Zeiten selbst in scientologischem Umfeld zugange gewesen. Tatsache ist: Lehmann verlegte 1987 ein Buch des amerikanischen Psychiatriekritikers Thomas Szasz, der ihm als Ehrenvorsitzender des Scientology-Ablegers "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" (KVPM) bekannt war. Vor Jahren schon hat Lehmann sich von diesem Mißgriff distanziert und das Szasz-Buch aus dem Programm genommen. Dass ein 1990 von Lehmann selbst verfasstes Buch in einer Scientology-Publikation lobend erwähnt wurde, kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden: Es gibt tatsächlich keinerlei Hinweis auf irgendeine Nähe Lehmanns zu Scientology.

Ein drittes Buch zum Thema legte der Paderborner Familienpsychologe Werner Haas vor. In streckenweise äußerst flapsiger Sprache - Haas hält das offenbar für Ironie - werden ellenlang zitierte Textpassagen Hellingers mit mehr oder minder ausführlichen Kommentaren versehen, z.B.: [Hellinger] "Wenn man die (Verstorbenen) wieder (ins Familiensystem) hereinholt, sind die anderen wieder frei. Die Thailänder machen das mit einem Ritus, wir machen es mit Psychotherapie". [Haas] "Wir? Hellinger meint wohl den exklusiven Club der Aufstellungsmystiker, die die Toten tanzen lassen noch bevor die Lahmen gehen." (S. 43) Oftmals gibt Haas Hellingersche Positionen im Indikativ wieder, so dass nicht oder erst mit Verzögerung deutlich wird, dass das wieder einmal ironisch gemeint sein soll: [Haas]: "Partnerwechsel ist mitunter lebensgefährlich, aber nicht unbedingt für die getrennten Partner, sondern für Kinder aus nachfolgenden Verbindungen"(S. 47). Im übrigen ist ständig von "blöden Thesen" und "tolldreisten Behauptungen" die Rede, von "selbstherrlicher Zirkellogik" und "sadistischen Manipulationstechniken"; mit Blick auf die Person Hellingers von "naiv-arroganter Besserwisserei", abwechselnd auch von "Unsinn", "Schwachsinn" oder "Wahnsinn", von dem "Geschwätz eines Narren", der über die Gefühle anderer hinwegtrample wie ein "Elefant im Porzellanladen". Seine Familienaufstellerei sei nichts als ein "makaberes Mysterienspiel", ein "okkultes Gruselkabinett", ein "Spuk von vorgestern" (ebd.ff.). Laut Klappentext stelle dieses Vorgehen eine "zwar polemische, aber sehr eingehende und detailierte Analyse" dar. Tatsache ist: Haasens "längst fällige Abrechnung" mit der Hellinger-Szene ist inhaltlich nicht falsch, sie trägt indes kein einziges Argument vor, das nicht anderweitig längst diskutiert wurde und wird (vieles ist aus dem Sammelband "Der Wille zum Schicksal" [Ueberreuter, Wien, 2003] übernommen). Neu ist allenfalls der Tonfall, den Haas anschlägt: er segelt mit dem, was er für Ironie oder Polemik hält, hart an der Grenze des Justiziablen entlang: angesichts der Klagefreudigkeit Hellingers und einiger seiner Anhänger ein riskantes Unterfangen. Trotzalledem ist das Buch zu begrüßen: Es bringt die Szene um Hellinger in zusätzliche Bedrängnis, die nun nicht mehr behaupten kann, bei der vorgetragenen Kritik handle es sich ausschließlich um eine von Goldner und Weber gesteuerte "Verleumdungs- und Vernichtungskampagne". 

in: Materialien und Informationen zur Zeit, 1/2005
 



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